Warum Patienten eine Schlüsselrolle in der Digitalisierung der Rheumatologie einnehmen sollten.

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Blog

Warum Patienten eine Schlüsselrolle in der Digitalisierung der Rheumatologie einnehmen sollten.

Das deutsche Gesundheitswesen hinkt in Sachen Digitalisierung dem internationalen Vergleich hinterher.

Während diverse, vielversprechende digitale Lösungsansätze in den Startlöchern stehen und in zahlreichen anderen Ländern längst zum Alltag gehören, kommt in Deutschland erschreckend wenig digitaler Fortschritt an — so auch in der Rheumatologie.

Im Rahmen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wurde 2018 der sogenannte Digital Health Index als Indikator für den Digitalisierungsgrad des Gesundheitswesens eines Landes ermittelt. Deutschland schnitt hierbei unter den 17 bewerteten Nationen mit einem Score von 30 aus 100 möglichen Punkten als vorletztes Land nur knapp vor dem Schlusslicht Polen ab.

So stellten die Studienleiter die mangelnde Einbeziehung von Ärzten und Patienten — sprich der aktiven Nutzer– als eines der zentralen Versäumnisse heraus und sprachen die dringende Handlungsempfehlung aus, diese in der Zukunft stärker bei der Entwicklung digitaler Lösungen zu berücksichtigen¹.

Um dieser Forderung nachkommen zu können, gilt es im ersten Schritt jedoch, die Lücke zwischen Patienten und behandelnden Ärzten, Krankenkassen und anderen Institutionen des Gesundheitswesens zu schließen und eine Interaktion auf Augenhöhe zu ermöglichen (siehe Abbildung 1).

Rheumatologie: Für das Zusammenspiel zwischen Patienten und Akteuren des Gesundheitswesens fehlt ein Puzzlestück.
Abbildung 1: Das Problem mit der Digitalisierung

Um Betroffene besser in die Entwicklungsprozesse digitaler Therapieansätze und Prozessverbesserungen einbeziehen und so deren Nutzeransprüche erfüllen zu können, ist es unerlässlich, sie zum selbstbestimmten Umgang mit ihrer jeweiligen Krankheit sowie dem hochkomplexen Gesundheitssystem, in dem sie sich bewegen, zu befähigen. In diesem Kontext stellt systematisches Patienten-Empowerment einen zentralen Baustein dar.

Was versteht man unter Patientenempowerment?

Im medizinischen Kontext bedeutet Empowerment, Patienten dazu zu ermutigen, sich an sämtlichen Entscheidungen und Prozessen rund um die eigene Erkrankung aktiv einzubringen. Patienten-Empowerment umfasst dementsprechend sämtliche Aktivitäten und Initiativen von Patienten, deren Ärzten oder Akteuren des Gesundheitssektors, die darauf abzielen, Betroffene besser über die Krankheit und ihre Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären, sodass diese in Bezug auf ihre individuelle Krankheitssituation autonomer agieren können. Studien belegen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Therapieerfolgs signifikant steigt, wenn Patienten in die sie betreffenden medizinischen Entscheidungen mit eingebunden werden².

Fehlendes Puzzlestück für Zusammenspiel zwischen Patienten und Akteuren des Gesundheitswesens: Patientenempowerment.
Abbildung 2: Ein möglicher Lösungsansatz - Patientenempowerment

Den wichtigsten Faktor des Patienten-Empowerment stellt hierbei die Gesundheitskompetenz der Betroffenen dar. Hierzu gehört die Fähigkeit, alle wichtigen Informationen über die Krankheit und Therapie verstehen und beurteilen zu können. Nur wer gut informiert ist, kann eigenverantwortlich entscheiden, selbst seine Gesundheit zu fördern, passende Gesundheitsangebote in Anspruch zu nehmen und seinen ganz persönlichen Umgang mit der Krankheit zu finden.

Heißt konkret: Wie gut wir informiert sind, wirkt sich maßgeblich auf unsere Gesundheit aus.

Dies ist insbesondere bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises und anderen chronischen Krankheiten von enormer Bedeutung, da Behandlungserfolge maßgeblich vom Verhalten der Patienten abhängen.

Wenn Betroffene dazu in der Lage sind medizinische Werte selbst beurteilen zu können, können sie den Therapieverlauf eigenständig beobachten und fühlen sich deshalb für ihren Heilungsverlauf verantwortlicher. Das Ziel muss also sein, mehr Verständnis bezogen auf die Erkrankung, mögliche Therapiemethoden, psychologische Begleitung und den bewusste Umgang mit bestimmen Nebenwirkungen zu schaffen. Um Therapien positiv zu beeinflussen ist es folglich unerlässlich, Patienten die Fähigkeiten zu vermitteln, die eigene Krankheit zu verstehen und nach und nach zu kompetenten Managern ihrer Gesundheit zu entwickeln. Hierzu gilt es den Betroffenen entsprechendes Rüstzeug mittels einfach konsumierbarer, laientauglicher Formate an die Hand zu geben. Hier haben insbesondere digitale Anwendungen großes Potenzial. Um diese Potenziale zu erschließen, kommt es nun darauf an, den Patienten als zentrale Anspruchsgruppe der Rheumatologie und anderer medizinischer Disziplinen eine angemessene Schlüsselrolle zukommen zu lassen.

Autor: Matthias Diener

Quellenangaben:

1. Thranberend, Kostera (2018):
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2018/november/digitale-gesundheit-deutschland-hinkt-hinterher

2. Nielsen-Bohlman et al. (ed.). Health Literacy: A
Prescription to End Confusion. National Academies Press 2004.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25009856